Helena Krauser (33) war Schülerin am Jakobsberg in Basel und arbeitete als Redakteurin bei der bz Basel und das Kulturmagazin Frida. Heute ist sie Mitglied der Chefredaktion beim Online-Magazin Bajour.

Interview: Mathias Maurer | Fotos: Helena Krauser

Was hat Sie als in Oberfranken Geborene nach Basel gebracht?
Ich kam bereits als kleines Kind in die Region um Basel. Meine Familie lebte nur kurz in Oberfranken. Mein Vater fand dann eine Stelle an der Steinerschule am Jakobsberg, weshalb wir nach Leymen im grenznahen Frankreich umzogen. Von dort aus besuchte ich zunächst den Kindergarten auf dem Birsmattehof in Therwil und später die Steinerschule auf dem Jakobsberg.

Wie haben Sie als Schülerin am Jakobsberg Ihre Schulzeit erlebt?
Ich hatte eine sehr schöne Schulzeit und heute noch viele Freundschaften aus dieser Zeit. Es ist sehr verbindend, wenn man zwölf so entscheidende Jahre miteinander verbringt.

Was fanden Sie gut, was eher nicht? Was würden Sie verbessern wollen?
Mir gefällt der ganzheitliche Ansatz sehr gut. Rückblickend habe ich den Eindruck, wir Schülerinnen und Schüler durften auf vielen verschiedenen Ebenen lernen und in die Tiefe gehen – dadurch konnten wir die Inhalte gut verinnerlichen. Das selbstständige Lernen stand zu meiner Schulzeit noch weniger im Fokus – auch fände ich es schön, wenn wir unseren individuellen Interessen und Lerngeschwindigkeiten mehr hätten folgen können. In der Oberstufe gab es eine Zeit, in der ich den Eindruck hatte, dass wir zu wenig gefördert werden und in den staatlichen Schulen nicht mithalten können. Dann habe ich darüber nachgedacht, frühzeitig aufs Gymnasium zu wechseln, und war eine Woche dort – habe mich dann aber dagegen entschieden. Mir haben Projekte wie die Erarbeitung der Theaterstücke, die Chorkonzerte oder die Kunstreise in die Toskana sehr gut gefallen.

Wurde Ihr Interesse für Kulturelles und das Schreiben durch die Steinerschule geweckt?
Ja, ich denke, dass der Deutschunterricht da eine grosse Rolle gespielt hat. Ich habe gerne Aufsätze geschrieben – das positive Feedback meines Klassenlehrers und Deutschlehrers hat mich motiviert, diese Richtung weiter zu verfolgen.

12.Klassstück


Sie schreiben viel über Kunst und Kultur. Warum halten Sie kulturelle und künstlerische Sujets für wichtig?
Kunst und Kultur interessieren mich vor allem als Mittel, um über die Welt und die Strukturen, in denen wir leben, frei und assoziativ, nachzudenken. Kunst gibt uns als Betrachterinnen und Betrachter Raum, Ruhe und Inspiration, um unseren Horizont zu erweitern. Im Journalismus erhält die Kultur leider immer weniger Platz. Das liegt einerseits daran, dass die Redaktionen insgesamt sehr schrumpfen und kaum finanzielle Mittel da sind, um Kulturredaktionen zu finanzieren, aber auch daran, dass die Leserinnen und Leser keinen gemeinsamen Referenzraum mehr haben, in der Flut der kulturellen Angebote untergehen und daher auch leider weniger Interesse daran haben, die Artikel zu Kunst und Kultur zu lesen.

Welche Themen reizen Sie besonders?
Künstlerische Themen reizen mich vor allem dann, wenn sie sich mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigen – und somit zugänglich und bereichernd sind für die Leserinnen, Leser und mich.

Was würde einer Gesellschaft ohne Kunst –
Literatur, Theater, Malerei und Musik usw. – fehlen?

Es würde die Reflexion über das Menschsein, über das in der Weltsein und das Miteinandersein fehlen. Es würde an Fantasie fehlen, an Ausdrucksmöglichkeiten, an Austausch und Begegnung. Kultur bietet einen wunderbar unmittelbaren Zugang zu Emotionen. Ausserdem würde Unterhaltung fehlen – auch das darf Kultur meiner Meinung nach sein.

Sollte Kunst auch politisch sein?
Ja, absolut. Nicht jede Kunst muss politisch sein. Ich mag auch ästhetische Kunst sehr gerne. Aber es gehört zu einer freien Gesellschaft dazu, dass man sich künstlerisch an der Politik abarbeiten kann. Ausserdem ist Kunst sehr schnell politisch, wenn sie sich mit Dingen auseinandersetzt, die in der Welt geschehen.

© Dominik Asche


Warum liegt Ihnen der Lokaljournalismus besonders?
So gerne ich die Kultur mag – so sehr fehlt mir im Kulturjournalismus der investigative Ansatz. Im Lokaljournalismus ist man als Journalistin oder Journalist sehr nah dran, an den Themen, die man behandelt. Man kann keine Fehler machen, weil auch die Leserinnen und Leser die Begebenheiten bestens kennen – man begegnet den Menschen und Orten, über die man schreibt, direkt und hat einen konkreten Rahmen, auf den man sich konzentrieren kann und innerhalb dessen man sich nach einiger Zeit sehr gut auskennt. Ausserdem betrifft die Lokalpolitik die meisten Menschen viel stärker, als sie denken. Man orientiert sich bei den Ereignissen in der Welt schnell an den grossen internationalen Meldungen – aber das, was vor der eigenen Haustür passiert, und das, was im lokalen Rathaus entschieden wird, hat konkrete Auswirkungen auf unseren Alltag. Gute Lokalrecherche zeigt den Leserinnen und Lesern konkret, wie Politik in ihrem Alltag wirkt und dass wir alle genau hinschauen und Einfluss nehmen können und nicht ohnmächtig sind.
Ausserdem haben im Lokaljournalismus auch kleinere, fortschrittliche Medienprojekte wie Bajour eine reale Chance. Mit gutem Journalismus, Innovation und Elan ist es im Lokaljournalismus möglich, sich ein Standing aufzubauen – auch ohne millionenschweren Konzern im Hintergrund.

In Zeiten von Social Media, über die sich heute die meisten Menschen informieren: Warum sind klassische journalistische Formate (immer) noch wichtig?
Die klassischen journalistischen Formate sollten meiner Meinung nach die Basis sein. Hier kann man sich vertieft informieren, hat sichere Quellen und Unternehmen und Organisationen, die sich den journalistischen Regeln verpflichten. Es spricht aber aus meiner Sicht nichts gegen Journalismus auf Social Media, sofern er diesen Kriterien ebenfalls entspricht.

Würden Sie Ihre Kinder wieder an eine
Steinerschule schicken?

Tatsächlich besucht mein Sohn die erste Klasse einer Steinerschule und meine Tochter einen Waldorfkindergarten. Bis jetzt gefällt es ihnen dort sehr gut.

Die Fragen stellte Mathias Maurer.
Teile diesen Artikel