Von der Richtungssuche des Jugendlichen

Text: Elsbeth Weymann

Córdoba.
Lejana y sola.
Jaca negra, luna grande, y
aceitunas en mi alforja.
Aunque sepa los caminos yo nunca llegaré a Córdoba.

Por el llano, por el viento, jaca negra, luna roja.
La muerte me está mirando desde las torres de
Córdoba.

¡Ay qué camino tan largo!
¡Ay mi jaca valerosa!
¡Ay, que la, muerte me espera, antes de llegar a
Córdoba!

Córdoba.
Lejana y sola.

Córdoba,
einsam und fern,
schwarzes Pferdchen, grosser Mond und
Oliven in meiner Satteltasche.
Wohl kenne die Wege ich,
doch nach Córdoba komme ich nie.

Durch die Weite, durch den Wind, Pferdchen
schwarzes, roter Mond.
Der Tod steht, erwartend mich
vor den Toren von Córdoba.
!Aayii wie weit der Weg!
!Aayii mein tapferes Pferdchen !
! Aayii, wie mich der Tod erwartet,
bevor ich erreiche Córdoba !

Córdoba.
Einsam und fern.

Federico García Lorca (1898–1936)


Aussage einer Schülerin, 10. Klasse, zu diesem Gedicht: «Hier geht es um – Freiheit, Liebe, Tod. Und das ist es doch.»

Dieses Gedicht von Garcia Lorca wird von Neunt-und Zehntklässlern gern gesprochen. Es hat Feuer, Melos und Kraft. Und der Abstand, den die fremde Sprache bietet, erleichtert die Identifikation. Lorca wurde während des Spanischen Bürgerkrieges erschlagen. Er war kein Kämpfer in den bewaffneten Brigaden gegen Franco und die ihn brutal unterstützenden Nazis (Guerníca !), er war ein Kämpfer mit dem Wort – und das kann und ist mitunter immer wieder – bis heute und weltweit – lebensgefährlich.

Nicht nur der Klang, die farbstarken einfachen Bilder und der fortreissende Rhythmus dieses Gedichtes sprechen an, sondern ebenso – wenn auch vielfach vielleicht nur halbbewusst – einige der Themen, die im Jugendalter neu auf‌brechend eine Rolle spielen: Sehnsucht – Freiheit – der ganz eigene Weg – Einsamkeit und Liebe und Tod.

Von Hesses «Unterm Rad» über Salingers «Fänger im Roggen» über Benjamin Leberts «Crazy» bis zu Wolfgang Herrndorfs «Tschick» … sind diese Themen Lebensthemen dieser Zeit, immer wieder – aus der Sicht des Jugendlichen – dargestellt worden.

Jugendpädagogik
Aus Steiners Vorträgen zum Thema «Jugendpädagogik» einige leitende Zitate:

«Mit der Geschlechtsreife tritt etwas ganz Neues ein, und im Grunde genommen ist der Mensch nach der Geschlechtsreife ein anderes Wesen als vorher.» (GA 303, 13. Vortrag, Dornach 1921/22)

«Man muss ein Gefühl, eine Empfindung dafür haben, dass man mit dem 14., 15. Jahre ganz neue Menschenkinder vor sich hat, nicht dieselben, die man früher hatte (…) Da ist eine grosse Veränderung in Bezug auf diesen rätselhaften Mikrokosmos eingetreten, der der Mensch ist.» (GA 305, 9. Vortrag, Oxford 1922)

«Du sollst Ehrfurcht haben vor seinem Geist. [des Kindes, des Jugendlichen]. Diesen Geist kannst du nicht entwickeln, er entwickelt sich selber. Dir obliegt es, ihm die Hindernisse seiner Entwicklung hinwegzuräumen und das an ihn heranzubringen, das ihn veranlasst, sich zu entwickeln.» (GA 305, 4. Vortrag, Oxford, 1922)

«Und es ist so, dass mit der Geschlechtsreife das eigentliche Schicksal des Menschen beginnt. Vorher steht der Mensch mehr im Allgemeinen darinnen, er empfindet das Erdenleben wie einen guten Bekannten. Jetzt aber, wenn der Mensch geschlechtsreif geworden ist, treten die einzelnen Ereignisse so an ihn heran, dass er sie schicksalsgemäss empfindet. Indem der Mensch schicksalsgemäss das Leben auffasst, wird es für ihn erst das richtige individuelle Leben.» (GA 309, 4. Vortrag, Bern 1924)

Diese Aussagen ermöglichen eine innere Haltung, die für jedes Beobachten, Wahrnehmen, für den Umgang mit den Schülerinnen und Schülern entscheidend ist: Niemals ist die Schülerin oder der Schüler mein pädagogisches Objekt. Immer geht es um Inter-Aktion, um Begegnung.
Eine Grundfrage lautet: Wie verändern sich in der Jugendzeit, der sogenannten Pubertät, drei Grundfähigkeiten, die das Kind in seinen ersten Lebensjahren entwickelt?

Gehen
Kurzer Rückblick auf das Kleinkind: Ein immer wieder neu erstaunliches Phänomen: Irgendwann richtet sich das Kind allein auf, rollt, robbt sich über den Boden, steht plötzlich – und dann läuft es, ohne fremde Hilfe. Es kam aus der Schwerelosigkeit des Lebens als Fötus in die Schwerkraft des Irdischen. Auf das zunächst hilfebedürftige Liegen des Neugeborenen folgt das selbstständige Halten und Heben des Köpfchens bis hin zum Aufrichten des ganzen kleinen Menschen. Aus einer eigenen inneren Kraft heraus geschieht dies. Etwas immer wieder neu Bewegendes! Welche Rolle die sprechende Umgebung dabei spielt, zeigen Forschungen der Pädiatrie. So weiss man heute: Ein Kind, mit dem nicht gesprochen wird, richtet sich nicht auf. Über die Gesichter von Erwachsenen geht – ausnahmslos – plötzlich ein Lächeln, wenn ein kleines Kind seine tastenden ersten Schritte macht. Ein Erlebnis während einer Fahrt im Intercity: Ein juchzendes, strahlendes Kleinkind, das mit beiden Händchen nach oben gestreckt, in seine kleinen Schritte wie hineinfliegt, taumelt, hinfällt, mit konzentrierter, nicht nachlassender Anstrengung sich wieder aufrichtet, wiederum hinfällt, ein bisschen wie bei schwerer Arbeit vor sich hinstöhnt – und es schafft, wieder steht und läuft. Tief bewegend. Es rührt etwas an in jedem Menschen. Der ganze Intercitywaggon lächelte …

Was geschieht mit dem Jugendlichen in Bezug auf die Aufrichte und das Gehen?

Gehen, Jungen
Eine Schar von Neuntklässler-Jungen bewegt sich als Gruppe über den Pausenhof. Natürlich gibt es beim Gehen sehr viele Spielarten. Nur einige seien hier herausgegriffen: vorgestreckter Oberkörper, Schultern leicht gebeugt, Schritte ein bisschen zu gross ausgreifend, wiegend, die Gestalt leicht sichelförmig, irgendwo in der Mitte etwas angezogen, die Hose in den Kniekehlen … cool, locker, männlich, ein behendes Latschen. (Eine bereitwillige Auskunft eines Jungen auf meine Frage nach den rutschenden Hosen: Den Schwarzen in den Gefängnissen der USA wurden Schnürsenkel und Gürtel abgenommen, um einem möglichen Selbstmord vorzubeugen. Die offenen Schuhe und rutschenden Hosen seien eine klare Solidaritätskundgebung gewesen. Aber das wisse heute kaum ein Jugendlicher mehr – leider, meinte er bedauernd.)

Das signalisierte Körpergefühl: eine wie unsichtbare «Last» liegt über den Gestalten, den einzelnen und der Gruppe insgesamt.

Vorsichtiges Fazit: Der Mensch steckt nicht ganz frei in sich selbst darinnen, vor allem, wenn er in der Gruppe auftritt. Er ist sich dessen dumpf bewusst, und er ist sich dessen auch trotzig bewusst. Dazu passen die Zigarette, die Leichtigkeit vornebelt … und manchmal auch schwere Stiefel mit dicker Sohle.

Gleichzeitig ist aber in diesem Alter ein neues, sehr verfeinertes Körperempfinden vorhanden. Die Jungen können schöne, gelungene Bewegungen anderer mit der eigenen Körperwahrnehmung verbindend wahrnehmen, gut schildern und beurteilen.

Neben unserer Schule in München gab es eine Containersiedlung mit Flüchtlingen. Ein Kurzgespräch zwischen Zehntklässlern, die einen joggenden Afrikaner beobachteten: «Echt cool der Blacky, wie der läuft.» (nachdenkliche Pause) «Der ist einfach gut drauf – geil.» Und einer der Jungen schlug sich aufs Sonnengeflecht. Nach seinem Empfinden wohl der Sitz dieses Gut-drauf-Seins.
Ein völlig anderer Eindruck entsteht, wenn man die gleiche Altersgruppe beim Sport oder noch ganz anders bei der Eurythmie vor sich sieht. Vor allem beim Mannschaftssport sind oft völlige Hingabe, Behendigkeit, Geschicklichkeit und Präsenz wahrzunehmen. In der Eurythmie – dies ist sehr abhängig davon, welchen Stellenwert die Eurythmie an einer Schule einnimmt—geschieht in diesem Alter noch vielfach «Dienst nach Vorschrift». Denn die neuen Möglichkeiten sind noch keine Fertigkeiten. Und man «zeigt» sich nicht gerne.

Wenn die Beziehung zwischen Eurythmielehrer(in) und Klasse stimmt, gibt es dann in den 12. Klassen noch einmal ein sehr anderes Bild. Im Eurythmieabschluss (Ende 11. oder 12. Klasse) können die Darbietungen erstaunen: Die Art, wie hier eurythmisch gestaltet wird, wie der eigene Körper – der Raum – und die Gruppe wahrgenommen und einbezogen sind. Aber das ist zwei Jahre später. Und dazwischen liegen in diesem Lebensalter Welten.

Gehen, Mädchen
Kommt einem auf dem Schulhof eine Gruppe von Neuntklässlerinnen entgegen, zeigt sich ein anderes Bild als bei den Jungen. Sie gehen aufgerichteter, in den Bewegungen liegt mehr Bewusstheit. Diese sind schöner, harmonischer. Aber auch etwas leicht Aufgesetztes, auch nicht wirklich Freies kann hier erscheinen. Besonders deutlich wird es in dem Augenblick, wenn der Gruppe von der anderen Seite her ein Mädchen entgegenkommt und sich einreiht. Ihr Gehen verändert sich sofort. Sie schwingt sich ein. Die Bewegungsform wird von der Gruppe bestimmt.
Rückblickend sagte eine Schülerin einmal über sich und ihren Gang: «Ich sah eine Gestalt im Schaufenster gespiegelt und war total entsetzt, als ich mich erkannte: Mein Gott, ich gehe ja wie meine Mutter! Seitdem habe ich sehr bewusst an meinem Gang gearbeitet».

Ein magersüchtiges Mädchen meinte: «Immer habe ich das Gefühl, wie in einem viel zu grossen Cape zu stecken. Die Kapuze reicht mir bis über die Augen, die Beine verheddern sich, die Hände bleiben stecken in den Ärmeln, eiskalt. Ich komme da nicht durch. Ich bin fremd in mir.»

In beiden Fällen, bei Jungen und bei Mädchen, gibt es also ein neues innerliches Wahrnehmen von Veränderung, das auch äusserlich sichtbar wird. Eine erfahrene neue Auseinandersetzung zwischen Schwerkraft und einem Sehnen nach Leichte.
Hier gibt es Sehnsüchte und oftmals auch Experimente, etwas «zu durchstossen»: Extreme Lautstärke beim Hören von Musik, exzessiver Tanz in der Disko, Drogenversuche, zwanghaftes Haare-Ausreissen, Ritzen der Haut … Blut muss fliessen, damit man sich spürt, Sehnsucht nach Aussteigen aus dem Leib.

Ein Erlebnis auf einer Party, zu der mich eine 12. Klasse einlud: Die enorme, extreme, wummernde Lautstärke der Boxen, das abgehackte Stroboskoplicht setzen mir extrem zu. Ich fühlte mich ziemlich verloren. Ein Mädchen bemerkte dies – beinahe besorgt und fast rührend verantwortungsbewusst. Sie zog mich dann in ein Gespräch. Wir gingen an die frische Luft und redeten. Nach ihrer Erfahrung des Ganzen befragt, meinte sie: «Oh, ich liebe das! Es kann mir nicht laut genug sein. Das ist wie eine Hülle aus Klang – oder auch plötzlich dann wie eine Wand. Und dann gehst du da voll durch. Frei! Ganz frei! Eine irre Erfahrung.»

Bewegung und Sprache hängen tief zusammen. Auch das verstehen Neunt- oder Zehntkläassler spontan. Bei einer Textarbeit ging es um eine Stelle aus Kazantzakis Roman «Alexis Sorbas». Ein Fischer, der vom Tod seines Kindes erfährt, verliert die Sprache. Er geht ins Freie, ans Meer und er tanzt am Strand seinen Schmerz. «Ist doch klar», war die knappe Antwort eines Schülers.

Sprechen, Sprache
Bereits der Fötus im Mutterleib kann ab dem vierten, fünften Monat hören. Das Sprechen entwickelt sich mit sogenannten «Vor»-Lauten, konsonantisch, spielerisch, Es sind leichte Hauch- und Rachenlaute. Parallel dazu oder auch dem vorausgehend oft: rasche, rhythmische, leichte, wie tanzende Bewegungen der kleinen Händchen in der Luft. Wie ein Sprechen mit den Händen – vor allem Sprechen. Später dann die Intonation und das Brabbeln. Dies entwickelt sich parallel zum Rollen und Robben. Das sogenanntes Babylatein. Ein Beispiel: Das Kind richtet plötzlich den Kopf auf beim Robben, als es eine ihm fremde Intonation hört. Ein Telefonat in einer fremden Sprache im Raum. Es unterbricht lauschend sein Herumrobben und versucht die andere Intonation nachzuahmen.

Parallel zum ersten selbstständigen Stehen: Das Kind spricht Einwortsätze. Ein gesprochenes Wort vertritt einen ganzen Satz und bedeutet eine Welt. Laufen und Sprechen verlaufen alternierend. Hier gibt es natürlich starke individuelle Abweichungen.

Sprechen und Sprache beim Jugendlichen
Ein Blick auf den Sprachorganismus zeigt eine auffällige Veränderung: Der Kehlkopf senkt sich mit Beginn der Pubertät langsam nach unten auf die Höhe des fünften Halswirbels. Bei der Geburt liegt dieser noch auf der Höhe des zweiten Halswirbels. Wie ein Zeichen für die sich verändernde Wirkung der Schwerkraft auf den menschlichen Organismus in diesem Alter kann dieses Herunterwandern des Kehlkopfes gelesen werden. Es ist das äussere, leibliche Zeichen dessen, was man Stimmbruch nennt.

Beide Geschlechter machen einen Stimmbruch, jeweils von verschiedener Stärke, durch. Die Stimme des Jungen sinkt um eine Oktave, die des Mädchens etwa um eine Terz. Physiologisch ist damit die Geschlechtsreifung verbunden (bedingt durch das Hormon Testosteron). Der Körper baut sich vollkommen um. Auch das Verhältnis von Atem und Pulsfrequenz verändert sich. Mit leichten Variationen bei Jungen und Mädchen.

Der Zusammenhang von Sprechen und Zeugen ist in vielen Sprachen noch deutlich. Im Deutschen haben wir die Sprachverwandtschaft von «zeugen» und «überzeugen». Im Griechischen entspringen γενναω = zeugen und γινωσκω = erkennen aus der gleichen Wortwurzel. Das hebräische Verb der Bibel ידע bedeutet erkennen und ebenso sich vereinigen, das Eins-Werden von Mann und Frau.

Der Lehrplan der Waldorfschule berücksichtigt in der 10. Klasse das Thema Sprechen/Sprache in besonderer Weise. Eine Epoche, die Poetik, erscheint in der ganzen Schulzeit nur ein einziges Mal und genau an der Stelle, in der der ganze Mensch und eben auch die eigene Sprache im Umbruch sind.

Es geht hierbei um ein Kennenlernen von Formen, Bildern, Rhythmen, Metren, Satzbau, Sprachfiguren, um ein Eintauchen in die künstlerische Gestaltung von Dichtung. Aber ebenso auch um das Bewusstmachen der Wirkung(en) von Sprache, z. B. in den Medien und in der Werbung. Dies geschieht während der Epoche u. a. durch eigenes schöpferisches Tun.

Geschichten und Gedichte werden geschrieben. Die ganze Palette des Creative Writing ist hier möglich: Schreiben nach Bildern, Fotos, nach Musik, in verschiedenen Erzählhaltungen, Gedichtformen – vom Haiku bis zum Sonett – werden ausprobiert. Auch mündliches, freies Erzählen – im Unterschied zum Berichten – kann geübt werden. Diese Mischung aus Aufmerksamwerden, Neuentdecken, Analysieren und Selbertun macht die Epoche, gerade in diesem biographischen Zeitpunkt der Adoleszenz zu etwas Besonderem.

Zwei Erlebnisse mit Zehntklässlern auf einer Klassenreise: Einmal die Zeichensprache einer Gruppe von Taubstummen und dann das Sprechen von Kehlkopfoperierten mit Hilfe eines kleinen Apparates. Eine Maschinen-Sprache ohne Intonation. Ein gespenstischer Klang! Keine menschliche Stimme. Erschrockenes Schweigen. Anschliessend bewegende, lange Gespräche über die Stimme des Menschen und ihre Wirkung.

Plakat zur Ehrung von Federico García Lorca in Uruguay anlässlich des Jahrestages seiner Ermordung im Jahre 1936 © wikimedia.org/Martín Battistoni

Die spezielle Sprach-Situation
des Jugendlichen

Mit der Veränderung des Kehlkopfes geht ein gesteigertes Sprachvermögen einher. Man hat erforscht, dass der Wortschatz eines siebenjährigen Kindes etwa 4000 Wörter umfasst. Der Wortschatz des Vierzehnjährigen dagegen ist mit ca. 9000 Wörtern mehr als doppelt so gross und nimmt noch fast täglich zu.

Ein solcher quantitativer Zuwachs in einer Sprache bedeutet auch eine neue Fähigkeit zu feineren Nuancierungen, zu Aspekten und Sehweisen. Jugendliche sind z. B. fasziniert von dem Faktum, dass es bei den Inuit viele hundert Wörter für «Schnee» gibt. Desgleichen hunderte für «Wüste» bei Wüstenvölkern, die jeweils höchst differenziert verschiedene Erscheinungsformen und / oder Empfindungen gegenüber einem Gegenstand, einer Sache ins Wort bringen können. Das wird innerlich ganz neu verstanden.

Zudem gibt es für den Jugendlichen einen qualitativen Zuwachs im Wortschatz. Das Vermögen, mit abstrakten Begriffen umgehen zu können, nimmt sprunghaft zu. Auch komplizierte Satzgefüge mit Hypo- und Parataxe werden erfasst, Oberbegriffe und Gegenbegriffe können gebildet werden. Sehr deutlich wird dieser Reifeschritt z. B. bei einem neuen Gefühls-Verständnis für Adjektive.

Hierzu gab es ein Experiment mit Sieben- und Vierzehnjährigen: Die Aufgabe war, Gegenbegriffe zu den Adjektiven lieblich, plump und wuchtig zu finden. Die Vierzehnjährigen waren in ihren «Findungen» weitaus differenzierter, einfallsreicher, sprachschöpferischer als die Siebenjährigen, da sie die Qualität der Adjektive jetzt wie von innen heraus fassen konnten.

Und dann tritt wie eine Gegenbewegung zu diesen neuen Sprachfähigkeiten – vor allem bei den Jungen –, eine nach aussen gezeigte Sprachverarmung auf. Allerknappste Ausdrucksweise im Schriftlichen – Parataxe, Einwortsätze, Minimalismus. Auf Nachfrage kommt die knappe Antwort: «Steht doch alles drin.» Manchmal auch ein Zwischenruf während des Unterrichtsgesprächs: «Nicht soviel labern.»

Hier zeigt sich bei den Vierzehn- und Fünfzehnjährigen noch ein deutlicher Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Mädchen sind offensiver, redefreudiger, kämpferischer, sprachgewandter. Die Jungen holen aber rasch auf – sowie sie auch im Längenwachstum die Mädchen wieder einholen. Bereits in der zehnten Klasse beginnt die Angleichung.

Ganz entgegen dem neuen Vermögen der differenzierten Nuancierung, des feinen Sprachempfindens kommt der Jugendliche im Alltag meist gut mit drei Adjektiven aus: cool, geil, super – reichen für die unterschiedlichsten Personen, Situationen, Dinge immer und überall aus.

Ein Beispiel aus «Tschick»: Maic über Tatjana, in die er verliebt ist: «Ich könnte logisch noch ihr Aussehen ganz genau beschreiben und ihre Stimme und ihre Haare und alles. Aber das ist überflüssig. Kann sich ja jeder vorstellen, wie sie aussieht. Sie sieht super aus. Ihre Stimme ist auch super. Sie ist einfach insgesamt super. So kann man sich das vorstellen.» Ähnliche Beispiele gibt es im «Fänger im Roggen» oder in «Crazy». Auch spielt hierbei eine nicht unwesentliche Rolle das Empfinden, dass das Eigentliche unsagbar sei, sich der Sprache entziehe.
Die neuen sprachlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten werden im Alltag möglichst nicht genutzt. Unsicherheit, aber auch Selbstschutz spielen hier eine Rolle. Das mag im Tagebuch, egal ob Junge oder Mädchen, ganz anders aussehen. (Nicht unbedingt auf facebook oder WhatsApp. Da herrschen wieder andere Gesetze.) Jugendsprache schliesst die eigene Gruppe ein, die Erwachsenen aus. Grössere Bewusstheit bewirkt zunächst einmal Unsicherheit. Alles Wachsende sucht die Ruhe und den Schutz, den es braucht.

Es ist wichtig, dass die Lehrerin oder Lehrer sich sprachlich nicht anbiedern. Auch dass sie nicht so sehr auf den «Verlust», die gerüsthafte SMS-Sprache der Jugendlichen, sondern auf das Neue, Keimhafte schauen.

Denken, Urteilsvermögen –
Der Verstand, ein zweischneidiges Schwert

Eine andere Seite dieses Lebensalters und des mit ihm verbundenen Chaos zeigt sich in der Entdeckung und der Freude, den eigenen Verstand in Diskussionen, Auseinandersetzungen zu betätigen.

Steiner spricht von diesem Lebensalter als von einer «Geburt». Hier müsse Tumult, Chaos sein. Das könne, ja dürfe der Erwachsene weder dem Jugendlichen noch sich ersparen. Steiner nennt es die Geburt des «Astralleibes». Und es gibt keine Geburt ohne heftige Wehen! Die Bezeichnungen für diese verschiedenen, von Steiner «Wesensglieder» des Menschen genannt, wechseln. So wird der Astralleib an anderer Stelle auch «Kritikleib» genannt. Κρινειν heisst trennen, unterscheiden! Nicht einfach nur «kritisieren». Wer heftige Diskussionen mit Neuntklässlern erlebt hat, wo logisch, kämpferisch, kritisch scharf geschossen wird, versteht diesen Ausdruck gut. Die neu gewonnene Fähigkeit, die klare Logik zu spüren und zu handhaben, macht Spass. Urteilen, aburteilen, verunsichern, um die eigene Verunsicherung zu überspielen, jemanden an die Wand diskutieren, aufspiessen, all das wird ausgelebt. Intellektuelle Bastionen bei anderen werden gnadenlos eingerissen, vor allem, wenn man sich vielleicht darauf zurückziehen möchte. Eine plötzliche Frage an den Lehrer kann sein: «Und wie sehen Sie das? Sie persönlich?»

Das Denken begegnet sich selbst
Das zweischneidige «Schwert» schneidet auch den, der es betätigt.

Die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943) schreibt in einem autobiographischen Bericht über sich: «Mit 14 Jahren verfiel ich jener abgrundtiefen Verzweif‌lung des Jugendalters, und ich wünschte ernstlich zu sterben.» Sie hatte im Nachdenken über sich herausgefunden, dass die Wahrheit zu erkennen, nur den ganz grossen Geistern gegeben sei. Den moralisch und denkerisch überragenden Menschen. Sie war sich sicher, niemals dazu zu gehören. Wenn man aber die Wahrheit nicht erkennen könne, welchen Sinn hatte dann das Leben? Überall Relativierungen, scheinbare Richtigkeiten, Unzulänglichkeit der Erwachsenen, Lug, Betrug, Krieg, Unglück in der Welt. «Ich wollte lieber sterben, als ohne die Wahrheit zu leben.»

Dies ist nur eine von vielen Stimmen in dieser Lebenssituation, die Gleiches oder Ähnliches aussagen. Die Welt wird grau. Sie entspricht nicht dem Ersehnten. Die Verzweif‌lung ist echt. Wesentliche Lebensfragen dieser Zeit sind: Wer bin ich? Woher? Wozu? Was soll ich hier?

Hier ein paar Stimmen von Jugendlichen in eigenen Gedichten:

Schrei, verstummt

Hilfe, helft doch Wo nur seid ihr? Alle weg, keiner da, jetzt, wo ich euch brauche!

Telefon – «Hallo? Ach du bist’s»
«Oh, danke, gut!! …»

Sorgsam behütet der Tag,
mit Oberfläche verzweigter Gewohnheit,
was tiefe Wunde war.
Eine Nacht reisst auf
Springendes Feuer verlorener Fragen:
Wer bin ich? Woher? Wozu?

ich sitze unter einem baum und seh die wolken über mir der wind weht über mein gesicht das voller tränen ist.

die kinder tollen voller glück und heiterkeit im grase sie können es noch nicht verstehn, was mit mir geschehen ist.

der geist der in mir lebt, ist tot, und nun bin ich ein neuer mensch mit neuem leid –
doch hoffnung lebt.

Man sollte solche Aussagen nicht als metaphysischen Katzenjammer Pubertierender wegschieben. Das sind keine Kinderkrankheiten der Seele, keine Inszenierungen. Es geht um ernst zu nehmende Entwicklungsituationen. Das gesamte Seelen­gefüge – Denken, Empfinden, Wollen – bewegt sich in Aufruhr und Richtungssuche.

Im sogenannten «Jugendkurs» (GA 217) nennt Steiner drei Dinge, gegen die Jugendliche gerade in dieser inneren Umbruchssituation zutiefst allergisch seien:

Phrase – im Sprechen und Denken
Routine – in den Empfindungen
Konvention – im sozialen Umgang der Menschen miteinander.

Diese drei Begriffe lassen sich auf drei seelische Fähigkeiten, Tätigkeiten beziehen: Denken – Empfinden – Wollen. Mit der «Geburt des Astralleibes» ist etwas Himmelstürmendes veranlagt. Und dann wird vom Jugendlichen etwas Sterbendes erlebt. Zur Verunsicherung trägt noch bei, dass Denken, Empfinden und Wille sich dauernd in Bewegung befinden, positiv und negativ hin und her changieren.

Denken: Der Verstand kann alles. Er kann pro und contra argumentieren. Zum gleichen Thema. Beides ist richtig. Aber was ist wahr? Das zweischneidige Schwert. Reicht die Logik aus, wenn es um Wahrheit geht?

Empfinden, Fühlen. Der ganze Tumult:

Rauschhaftes Feuer und Suche nach Beständigkeit und Dauer.

Enthusiasmus und Depression,
Liebe als echtes Ideal und pornografische Fantasie,
Grossmütigkeit und Intoleranz,
Liebevolles Verstehen und Bösartigkeit, die sich sogar dessen bewusst ist,
Zärtlichkeit und Gewalt.

Wollen und Tun:

Projekt, Aktion und Bleischwere, Lähmung.

Abhauen, Trampen, Schwänzen und Sehnsucht nach dem «Bei-sich-Sein»

«Null-Bock» auf alles und bewundernswerte, tatkräftige Hilfsbereitschaft.

Ein Beispiel zu Letzterem: Eine neunte Klasse belädt im Anschluss an einen sechsstündigen Unterricht stundenlang Container mit Sachgütern für eine Hilfsorganisation in einem Kriegsgebiet. völliger, hingebungsvoller Einsatz, schwere körperliche Arbeit, extreme Erschöpfung und ein tief befriedigendes Erlebnis: Das Gefühl, gebraucht zu werden, etwas Sinnvolles für Andere zu tun, Verantwortung zu übernehmen, etwas zu bewegen, etwas vorwärts zu bringen. In diesen Kontext gehört auch der WOW-Day der Waldorfschulen und Vergleichbares aus anderen Schulsystemen, z. B. «Schüler helfen» und auch die weltweite Jugendbewegung fridays for future.

In diesen Tumultjahren des Jugendalters haben also die Schulen, die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer, sehr herausfordernde Aufgaben. Wird Schule als läppisch, als «am Leben vorbei» empfunden, nützt auch die Drohung mit einem «wichtigen» Schulabschluss oder dem Abitur herzlich wenig. Aussage eines Schülers, der in der zehnten Klasse des Gymnasiums abging: «Ich bin es endgültig leid, täglich 6 Stunden auf meinem Stühlchen zu sitzen und mir anzuhören, was jemand gestern gelesen hat.»

Gefragt sind: persönliche Verbindung des Lehrers mit dem jeweiligen Stoff, methodische Vielfalt, einen wie «atmenden» Unterricht zu kreieren, immer wieder sich ein neues, freies, sich korrigierendes Wahrnehmen der Schülerinnen und Schüler als Individuen und geistige Wesen abzuverlangen, Begegnung entstehen zu lassen. Aus der Inter-Aktion Unterricht zu gestalten. Im Miteinander einen lebendigen Resonanzraum entstehen zu lassen. In der Waldorfpädagogik heisst dies lapidar, aber anspruchsvoll und Blickrichtung gebend: Erziehungs-Kunst.

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